Abraham Roentgen (1711-1793)

Der Ebenist und Kabinettmacher Abraham Roentgen (1711 Mülheim am Rhein, heute Stadt Köln – 1793 Herrnhut, bei Löbau in Sachsen) war der Wegbereiter für den kometenhaften Aufstieg der Roentgenmanufaktur. Die Manufaktur lieferte qualitätsvollste Möbel für den europäischen Hochadel. Diese Möbel waren oft mit Mechaniken ausgestattet.

Werdegang von Abraham Roentgen

Seine protestantische Familie stammte aus der Rheinpfalz. Beim Vater Gottfried geht Abraham in die Tischlerlehre. 1731 beginnt Abraham seine Lehr,- und Wanderjahre von Mülheim aus. Diese führen ihn in das protestantisch geprägte Holland. In Rotterdam, Den Haag und Amsterdam lernt er bei den dortigen Meistern den Formenkanon der in deren Werkstätten gefertigten Möbel kennen. Anschließend zieht es Abraham Roentgen nach London, der damaligen Hochburg der Möbelschreinerei. Er verbringt dort insgesamt 7 Jahre der Aus-, und Weiterbildung.

Insbesondere verlegt er sich auf die Kunst des Gravierens (auf Einlagen aus Holz, Metall und Elfenbein). Auch erwirbt er große Fertigkeit in der Technik des Mosaiks (der Marketerie). Abraham lernt auch die Mechanik von Möbeln (Klapptische und Zusammensetzmöbel) sehr gut kennen.

Erste Erfahrungen kann Abraham Roentgen in England mit der dort praktizierten "Kastenbauweise" machen. Es werden einzelne Module eines Möbels von dafür jeweils spezialisierten Mitarbeitern gefertigt, die dann als ein Ganzes zusammengesetzt werden. Diese Arbeitsteilung ist bis dahin in Deutschland nicht bekannt. Die Vorzüge sind: Rationalisierung der Arbeiten, Einsparung von Arbeitszeit.

In London lernt er 1737 den Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1769) kennen, der dort für die von ihm gegründete protestantische Freikirche „Herrnhuter Brüdergemeine“ predigt. Dieser religiösen Gemeinschaft schließt sich Abraham Roentgen an und kehrt 1738 nach Deutschland zurück, wo er sich mit anderen „Herrnhutern“ in der Wetterau, in Marienborn mit einer Schreinerwerkstatt ansiedelt.

Dort residiert der Graf von Ysenburg-Meerholz, ebenfalls ein „Herrnhuter“, der anfangs der wichtigste Kunde von Abraham ist. Zwei Jahre nach der Hochzeit mit der Pietistin Susanne Maria Bausch aus Frankfurt reist Abraham 1740 auf Veranlassung der Brüdergemeine per Schiff nach Amerika, um dort für die Herrnhuter missionarisch tätig zu sein. Allerdings erleidet das Schiff vor Irland Schiffbruch und Abraham verbleibt für 2 Jahre in Irland.

Abraham Roentgens nächste Station ist die Herrnhuter Brüdergemeine in Herrnhaag bei Büdingen in Oberhessen. Die kommenden 10 Jahre fertigt er für die dortigen Standesherren, der verschiedenen Linien des Hauses Solms und Ysenburg. Auch für die Mitglieder der Brüdergemeine fertigt er Möbel in seiner Werkstatt.

Einfluss der Religiosität auf die Roentgenmanufaktur

Abraham Roentgen ist mit und bei seiner Arbeit stark dem Gedankengut der reformierten Brüdergemeine der französischen Richtung verbunden. Die „Herrnhuter“ glaubten fest daran, dass Gott allgegenwärtig im Leben ist. Nicht nur im Privaten, sondern auch in der Arbeit. So darf man als Handwerker nur „Profit zur Ehre Gottes“ machen und nur gute Qualität zu angemessenen Preisen ohne Wucher nehmen.

Es bestand eine starke Wechselbeziehung zwischen der Werkstatt Roentgen und der Brüdergemeine. So gewährte die Brüdergemeine Abraham Roentgen immer wieder Kredite, die dieser zur Warenbeschaffung dringend benötigte.

Alle Brüder und Schwestern der Herrnhuter waren innerhalb der Glaubensgemeinschaft aufgehoben und beschützt. Im Gegenzug waren sie aber absolut weisungsgebunden gegenüber der internationalen, zentralistisch geführten Unität, z.B. bei der Wahl ihres Aufenthaltsortes oder auch bei einer Heirat. Die Herrnhuter waren in vielen Ländern (Deutschland, Schweiz, England, Russland und Nordamerika)  z.T. bis heute tätig.

Werkstatt in Neuwied am Rhein ab 1750

Als der Graf von Ysenburg zu Büdingen verstirbt und damit der landesherrliche Schutz für die Brüdergemeine endet, zieht Abraham mit 40 Herrnhutern von Herrnhag nach Neuwied. Unter dem Schutz des Grafen und späteren Fürsten Friedrich Alexander zu Wied und Neuwied (1706-1791) gedeiht die Brüdergemeine und auch die Werkstatt von Abraham Roentgen.

Vom Zunftzwang befreit, kann Abraham Roentgen seine Werkstatt gut organisiert führen. Allerdings darf er ausschließlich an den gräflich/fürstlichen Hof liefern. Es beginnt eine Produktion nach englischer Art auf Bestellung. Eine begrenzte Zahl von Standardmöbeln auf Vorrat wird ebenfalls gefertigt. Diese stellt Roentgen auf Messen in Frankfurt, Bonn und Mainz aus. Erste Mitarbeiter vom 1750 waren Philipp Schmeder aus Braubach und Parrot aus Mömpelgard.

Möbeltypen, Werkstoffe und Kunden

Abraham Roentgens Stil ist durch seine erworbenen Kenntnisse der Lehr- u. Wanderjahre holländisch-englischer Herkunft, ausgeführt in vorwiegend dunklem Holz. Vorherrschend war die Verwendung von Nussbaumfurnier, später von Mahagonifurnier. Auch Eibenholz wurde verwendet.

Die frühen Möbel von Abraham Roentgen zeigen kaum Schnitzereien oder Beschläge. Dafür Marketerien in Form von geometrischen Parkett- u. Würfelmustern mit regelmäßigem Gitterwerk. Erst die späteren Stücke im gemäßigten Rokokostil gefertigt, zeigen reiche Schnitzereien. An den Unterbauten der Möbel finden sich die für Roentgen charakteristischen tief herabgezogenen Zargen (kettle-bottom-Form). Die noch im „Queen Anne“ Stil gefertigten Sitzmöbel stehen auf Vogelfüßen, die mit einer Kralle eine Kugel umfassen (claw and ball foot).

Neuerungen im Möbelbau wie die Verwendung von Nut und Feder bei Schubladen wurden in der Werkstatt praktiziert.

Aus seiner Londoner Zeit bringt Roentgen die Messingintarsie bei der Möbelproduktion ein. Vor allem die bis dahin in Deutschland unbekannte Umrahmung von Schubladen mit einem Wulstrand (Lippenrand=cock bead) wird verwendet.

Auch den „Gateleg-table“, einen mit verspielter Mechanik ausgestatteten Spieltisch macht er in Deutschland bekannt. Der Adel als Hauptkundenkreis fand an solchen Spielereien wie aufklappbare Tischplatten, umlegbare Beine, auf Knopfdruck aufspringende Geheimfächer großen Gefallen. So manche Überraschung wie durch Hebelmechanik aufspringende Deckel erhöhten noch den Reiz solcher Stücke.

Ebenfalls in London kommt er in Berührung mit der für Deutschland damals noch unbekannten Modulfertigung. Diese Art der Möbelfertigung, wo einzelne Möbelteile wie der Korpus oder die Möbelbeine in Vorrat gefertigt werden, wird auch in Neuwied praktiziert.

Als Werkstattmerkmal gilt anfangs der Geißfuß, später der schlankere französische „Pied de Biche“ (Rehfuß). Die Füße waren oft aus anderem Holz als die Zarge gefertigt, die bis zum Rahmen durchliefen. Bereits in Herrnhag fertigt Roentgen Möbel mit abschraubbaren Füßen, was für den Transport von großem Vorzug war.

Beschläge aus Bronze verwendete man außer an höfischen Möbeln sehr dezent. Häufig verwendete Abraham Roentgen Messingblech, welches in Kanneluren gelegt wurde. Typisch für die Roentgenmanufaktur sind auch mit Messing ummantelte Zierprofile. Als Blindholz fand Eiche aber auch Fichte Verwendung.

Eine der ersten Möbellieferungen gehen an Rat Johann Caspar Goethe (dem Dichter Vater) nach Frankfurt. Es sind dies Lehnstühle aus Kirschbaum und Konsoltische aus Nussbaum.

Ab 1756 entstehen prunkvolle Möbel für den Kurfürsten von Trier Johann Philipp von Walderdorf (reg. Zeit 1756-1768). Zu den Kunden von Abraham zählen auch die Grafen von Schönborn und später auch die Landgrafen von Hessen-Kassel und das Haus Wettin. Auch für die Fürstbischöfe von Speyer fertigt Abraham Möbel.

Um 1765 gerät die Werkstatt in eine finanzielle Notlage, in der ihr vermutlich der Graf von Wied zur Seite steht. Bedingt war diese Notlage durch die nach dem 7 jährigen Krieg (1736-1763) eingetretene Rezession sowie die kostenintensive Beschaffung von exotischen Hölzern und deren lange Lagerung. Auch der Hausbau in Neuwied mit Werkstatt trug zu dieser Misere bei.

Ein Großteil der noch heute erhaltenen Möbeln aus der Werkstatt Abraham Roentgen ist im Besitz der gräflichen Familie Schönborn auf Schloss Wiesentheid und Pommersfelden.

Im Schloss Pommersfelden sind folgende Möbel erhalten:

  • Schreib, - und Kabinettschrank, Nussbaum, mit dem für die Werkstatt typischen Rosenholzband Einfassung der Schubladen
  • Kommode, Nussbaum und Königsholz
  • Kommode, Eibe und Nussbaum mit Ahorn Marketerie
  • Pulttisch, Nussbaummaser mit Rosenholzeinfassung
  • Lese/Zeichentisch, Mahagoni, Beine aus Birnbaum
  • Drei Damentische, Palisander mit Ebenholzgitter sowie aus Eibe und ein Damentisch aus Rosenholz mit Marketerie aus gefärbten und gebrannten Hölzern.

Frühe Möbel von Abraham Roentgen befinden sich heute im Victoria und Albert Museum in London, auch im Neuwieder Roentgenmuseum sind erhaltene Stücke aus der Manufaktur (Abraham und David Roentgen) ausgestellt.

Die qualitätsvolle handwerkliche Arbeit der Manufaktur stellte sich innerhalb einer Restaurierung 1991 im Neuwieder Museum unter Beweis: Nicht eine Schublade klemmte nach immerhin 200 Jahren der Herstellung des Möbels.

Das Auktionshaus Metz in Heidelberg bietet 1 Aufsatzsekretär und 1 Standsekretär im Jahr 2018 zur Versteigerung. Erwartet werden Ergebnisse von 70.000 – 100.000 Euro. Dies bestätigt den großen Sammlerwert und die Qualität der Möbelstücke aus der Manufaktur Roentgen.

Werkstattübergabe an den Sohn David ab 1768

Abraham Roentgen hatte 5 Söhne, von denen 4 das Tischlerhandwerk erlernten und zeitweise in der Werkstatt arbeiteten.

  • David Roentgen (1741 Neuwied -1807 Wiesbaden) der die väterliche Werkstatt zum Erblühen bringt.
  • Johann Renatus Roentgen (1749-1774) Kunstmöbelschreiner bei seinem Bruder David.
  • Johann Georg Roentgen (1752 - nach 1782) Kunstmöbelschreiner und Lehrmeister am königlichen Dänischen Möbelmagazin Kopenhagen.
  • Friedrich Heinrich Roentgen (1758-1797) Kaufmann in Lübeck
  • Ludwig (1755 Neuwied - 1814 Esens/Ostfriesland) evang. luth. Theologe und Schriftsteller.

Sein ältester Sohn David übernahm die väterliche Werkstatt und führte sie zu internationalem Ruhm.

 

Literaturempfehlungen zu Abraham Roentgen

  • Stratmann-Döhler, Rosemarie: „Mechanische Wunder Edles Holz Roentgen Möbel des 18. Jh. in Baden und Württemberg“, Ausstellung im Bad. Landesmuseum Karlsruhe 1998-1999.
  • Huth, Hans: "Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Möbelwerkstatt", Deutscher Verein f. Kunstwissenschaft, 1928
  • Fabian, Dietrich: "Abraham und David Roentgen von der Schreinerwerkstatt zur Kunstmöbelfabrik", Schriften zur Kulturwissenschaft d. intern. Akademie f. Kulturwissenschaften, Neustadt, Pfähler 1992
  • Kreisel, Heinrich: "Möbel von Abraham Roentgen", Schneekluth, Darmstadt, 1960
  • Striegel, Achim und Göres, Burkhardt Hsg.: "Präzision und Hingabe Möbelkunst von Abraham und David Roentgen", Bestandskatalog Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, 2007

 

 

 

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